Gefühle wollen gefühlt werden. Das klingt einfacher als es ist. Tatsächlich verbringen wir einen guten Teil des Tages damit, Gefühle aktiv zu vermeiden. Jedes Mal wenn wir etwas essen, ohne Hunger zu haben, unschlüssig bei Netflix rumklicken, wenn wir ziellos shoppen gehen, uns über rote Ampeln ärgern oder andere Menschen für Dinge kritisieren, die uns egal sein könnten, vermeiden wir gerade ein Gefühl.
Aufmerksamkeit ist der größte Reichtum, über den wir verfügen,
Ein echtes Gefühl meine ich damit, nicht so etwas wie Ärger und Gekränktsein. Das sind Gedanken, Reaktionen auf ein Konzept, das man nicht erfüllt sieht. Die echten Gefühle liegen darunter, dahinter, das sind Leere, Einsamkeit, Traurigkeit oder Angst. Natürlich: Niemand will das haben. Andererseits: Was bekommt man statt dessen? Wohin wird die Aufmerksamkeit und damit der größte Reichtum, über den wir verfügen, abgezogen? Wobei sich die Sache noch potenziert. Denn fast alles, was wir tun, um Gefühle zu vermeiden, kostet Geld. Und das zu verdienen, kostet einen weiteren Teil unserer Zeit.
Als Studentin habe ich häufiger bei Karstadt als Aushilfe an der Kasse gearbeitet. In Berlin, am Herrmannplatz, oft im Drogerie- und Kosmetikbereich. Die Angestellten haben sich jeden Tag einige Produkte neben die Kasse gelegt und diese abends mit Rabatt gekauft. Das war nicht wenig, was da so an Lippenstiften, Parfum und Modeschmuck zusammenkam, und dieser Kreislauf, dass sie das Geld, das sie verdienten, an Ort und Stelle für etwas ausgaben, was sie vielleicht gar nicht brauchen würden, wenn sie woanders arbeiten würden, hat mich damals so deprimiert, dass ich mir einen anderen Job gesucht habe.
Inzwischen ruft nicht nur am Arbeitsplatz, sondern rund um die Uhr überall etwas nach unserer Aufmerksamkeit und verspricht dafür Ruhe vor dem eigenen Selbst. Was für viele eine Zeitlang okay sein mag. Aber irgendwann reicht es den ungefühlten Gefühlen und sie drängen nach oben. Es mag ein subjektiver Eindruck sein, aber mir scheint, dass im Laufe dieses Sommers besonders viel zum Vorschein gekommen ist. In meinem Umfeld ist die Frequenz von Panikstörungen, Zusammenbrüchen, psychosomatischen Erkrankungen und sogar Psychosen enorm gestiegen. Als ob die klimatischen und politischen Hitzewellen der Zeit direkten Eingang in die Körper gefunden hätten.
Zusammenbrüche sind Aufbrüche zum authentischen Slbst
Das macht Angst, Betroffenen wie Angehörigen. Aber obwohl oder gerade weil ich weiß, wie sich das anfühlt (die Angst vor dem eigenen Kontrollverlust wie die Ohnmacht, einer anderen Person in dieser Situation nicht helfen zu können), möchte ich dazu sagen: Gut so. Gut, dass es hochkommt, gut, dass es aufbricht, das ist ein Prozess, der etwas in Bewegung bringt, nimm es hin. Gefühle wollen gefühlt sein, sie wollen Aufmerksamkeit, um etwas mitzuteilen, was man weder bei Netflix noch im Kaufhaus bekommt: etwas über die Person selbst. Ehrlichkeit. Authentizität. Es mag sich nicht sofort offenbaren und oft der Begleitung bedürfen. Bitte keine Scheu, therapeutische Hilfe zu suchen, der Glaubenssatz, es gäbe keine Plätze, sollte einen nicht daran hindern, sich auf den Weg zu machen, einen zu ergattern.
Ich will hier nichts verharmlosen. Mit wildgewordenen Gefühle umzugehen, kann eine Herausforderung sein, die nicht nebenbei zu leisten ist. Das bisherige Leben kommt zum Erliegen, Geplantes kann nicht stattfinden, freiberuflich tätige Personen sind existenzgefährdet. Aber es gibt keine Alternative. Sobald der Körper in Form einer Depression oder Panikattacke „Halt“ schreit, muss man anhalten.
Der Körper sitzt immer am längeren Hebel
Denn der Körper sitzt beim Kampf um Aufmerksamkeit definitiv am längeren Hebel. Mit Schwindel, Herzrasen ober Übelkeit hat er immer das letzte Wort.Und dann heißt es innehalten, den Widerstand aufgeben, sich in das neue Normal buchstäblich reinfühlen und sehen, wohin die Reise geht. Welches Thema zeigt sich? Wie kann es gelöst werden? Wann fühlt man sich besser? Was braucht man wirklich? Wie kann man mehr Dinge tun, bei denen es einem richtig gut geht? Jedes Symptom ist eine Freundin, die einen ungeduldig am Ärmel zupft. Ja, sie will einen vom Weg abbringen. Aber nur, weil sie einen besseren kennt.
Foto: Arcturian über Pixabay

