Wenn die Traurigkeit einfach nicht gehen will

Zeit heile alle Wunden heißt es. Aber was, wenn das gar nicht stimmt? Wenn das schlichte Verstreichen von Zeit nur dazu beiträgt, sich an einen bestimmten Zustand zu gewöhnen? An einen Zustand, der halbwegs erträglich ist, weil man gelernt hat, sich seiner nicht dauernd bewusst zu sein. Weil man durchaus mal etwas Nettes machen und sich darüber freuen kann. Weil man schlicht irgendwie weiterlebt und gar nicht so schlecht verglichen mit anderen – schließlich ist zumindest Frieden bei uns, man hat ein Dach über dem Kopf und aus der Leitung fließt Wasser, sogar heißes.

Immer wieder tauchen wie aus dem Nichts Trigger auf

Was ich sagen will, ist: Die Ansprüche an Lebensqualität können ganz schön sinken, bevor man Verdacht schöpft, dass das irdische Dasein vielleicht anders gedacht sein könnte. Und immer wieder, auch wenn es eigentlich gerade ganz okay gelaufen ist, tauchen wie aus dem Nichts Trigger auf, die einen von Null auf Hundert in einen Schmerz oder eine Traurigkeit, eine Ohnmacht oder Einsamkeit stürzen lassen, die mit der Situation eigentlich nichts zu tun haben kann. Aber die Gefühle sind doch real, oder?

Ja sind sie. Und sie haben mit der Situation trotzdem nicht ursächlich zu tun. Denn es sind die alten Gefühle, die die Zeit eben nicht geheilt hat. Die Haut mag vernarbt sein, aber die Wunde ist noch da. Und solange das so ist, kann einen alles, was ähnlich aussieht, in das alte Erleben zurückkatapultieren. Bei „Harry Potter“ nennt man so etwas einen Portkey, einen Portschlüssel: etwas, das einen egal wann und von egal wo an einen festgelegten Ort transportiert, in unserem Zusammenhang natürlich an einen unerwünschten. In der Therapie spricht man von Retraumatisierung.

Eine Kleinigkeit reicht und schon bricht der Sturm los

Da reicht schon mal eine kleine Kritik von einem Kollegen, das absolut verständliche und unaggressive „Nein“ in einer Beziehung, die Erfahrung, dass etwas, das man anbietet, von anderen nicht genommen wird oder jede andere Alltagssituation – und innerlich bricht ein Sturm los, dessen man nicht mehr Herr oder Frau wird. Je nach Charakter wütet er im Innen oder im Außen und führt zu Zerwürfnissen, stundenlangen Krisengesprächen, Alkohol- oder Sportexzessen. Oder es breitet sich eine Wüste aus, in der man sekundenschnell versinkt und sich auf Tage verliert.

Was ich mir wünschen würde, dass du in solchen Situationen weißt und tust, ist:

  • Diese Gefühle sind wahr und berechtigt, drück sie nicht weg, sondern nimm sie wahr.
  • Sie haben nichts mit dem Moment zu tun, also entferne dich respektvoll und dankbar von jenen, die sie scheinbar ausgelöst haben und suche dir einen sicheren Raum.
  • Schreib auf oder noch besser: Halte in einer Sprachnachricht an dich selbst fest, wie du dich fühlst und höre dir das an, denn im Sprechen bist du spontaner, und notiere dann die für dich wichtigsten Sätze.
  • Nimm einen roten Stift und streiche alles, was ein Vorwurf an andere oder die Welt sein könnte. Woran andere „schuld“ sind, interessiert uns nicht, dass ist deren Beritt. Warum du auf was wie reagiert hast, interessiert uns auch nicht, denn die Situation ist, wie gesagt, zweitrangig. Erstrangig ist, wohin sie dich katapultiert.
  • Finde heraus, was das tiefste zugrundeliegende Gefühl ist. Erlaube dir, es ohne jede Bewertung zu fühlen, und sei es für zehn Sekunden. Vielleicht gehen auch 20 oder gar 30. Stell dir vor, es stürmt, und du machst das Fenster auf. Du kannst es jeden Moment wieder schließen. Aber du erlaubst dir, mal zu gucken, was da draußen los ist.

Wenn du die Verantwortung übernimmst, gibt es viel zu gewinnen

Wenn du das geschafft hast: Bravo! Dann hast du dein Gefühl weder weggedrückt noch anderen übergeholfen, sondern anerkannt. Du hast Mut und Verantwortung für dich selbst gezeigt. Du darfst schon jetzt davon ausgehen, dass der nächste Trigger nicht so schnell wiederkommen wird. Aber was jetzt? Was machst du jetzt mit diesem Gefühl, das da im Raum steht?

Wenn du die Kraft hast und ein resilienter Mensch mit vielen Ressourcen bist, kannst du es genau da stehenlassen und ab und zu ansehen so lange es geht – und dich danach einem anderen Portkey zuwenden, von dem du weißt, dass er dich zu einem angenehmen, stärkenden Zustand bringen wird. Sport, Reisen, Bücher, Kunst eine liebevolle Partnerschaft. Auf diese Weise kannst du alten Schmerz – egal, woher er stammt – sacht in dein Leben integrieren und ihn dadurch lösen.

Wenn dein System nicht ganz so stabil ist, darfs du dich begleiten lassen. Einen schmerzenden Zahn überlässt man ja auch nicht sich selbst. Was zu gewinnen ist, ist in der Tat ein Leben ohne diese alten Gefühle. Und Strategien, in Zukunft auch mit allem, was neu kommt, authentisch und sich selbst zugewandt umzugehen.

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