Selbstliebe hat kein gutes Image. Dass jemand etwas nur für sich tut, erweckt Verdacht. Etwas nur für andere zu tun, gilt hingegen als löblich – fatalerweise. Denn wenn man etwas nicht auch wenigstens ein bisschen für sich tut, kippt die energetische Balance, was sich dadurch ausdrückt, dass man nach Dank oder anderer Anerkennung verlangt. Man BRAUCHT etwas zurück, und wenn das ausbleibt, gibt es ein Problem. Denn dann wird man als die Person, die doch anderen geben wollte, selbst bedürftig und wird dadurch unzufrieden, unglücklich, gerät in eine Opferhaltung, die sich – die Welt ist ja ein Spiegel – immer weiter verstärkt. Nicht schön. Für einen selbst nicht und für die anderen schon gar nicht.
Selbstliebe ist auch für die anderen ein Segen
Hier soll es daher um die Selbstliebe gehen, die für alle Beteiligten eine enorme Entlastung, ja, sagen wir es ruhig: ein Segen ist. Denn ein Mensch, der seine Bedürfnisse ernst nimmt, dem sein Wohlergehen am Herzen liegt und der sich selber mag, ist ein gelöstes Wesen, das freundlich auf sich und dadurch auch freundlich auf andere zu schauen vermag. Eine Person, die ihre Grenzen kennt und wahrt, muss keine doppelten Botschaften aussenden, sie sagt nicht Ja, wenn sie Nein meint und umgekehrt. Gerade jemand, zu dessen Werten es gehört, für andere dazusein, sollte sich klarmachen, dass das nur gehen kann, wenn man auch da ist – und nicht auf der Flucht vor sich selbst.
Was also macht die wohltuende Selbstliebe aus? Wie kann man sie vom Egoismus unterscheiden, jener zu Recht verrufenen Dampfwalzeneinstellung sich selbst und anderen gegenüber?
- Selbstliebe stellt keine Bedingungen. Sie sagt nicht: Wenn du 10 Kilo abgenommen und dieses Diplom in der Tasche hast, mag ich dich – vielleicht. Sie findet dich schon jetzt attraktiv und interessant.
- Selbstliebe macht keine Vorwürfe. Sie nimmt nichts krumm, braucht keine Entschuldigungen oder Ausreden, sie weiß, dass Menschen Fehler machen und Dinge vergessen und unvolkommen sind.
- Selbstliebe vergleicht nicht. Nicht dich mit anderen, nicht dich mit deinem früheren oder zukünftigen Ich. Sie ist total froh, dass du gerade du bist und nicht jemand anderer – denn denjenigen gibt es ja schon woanders, dich aber nur jetzt hier.
- Selbstliebe bewertet nicht. Nicht andere und nicht dich. Für sie ist alles okay, was ist. Sie würde dir daher auch nicht sagen, dass du Dinge besser machst als andere. Dass du sie schlechter machst, natürlich auch nicht.
- Selbstliebe ist immer in deinem Team. Das Wichtigste für sie ist, dass es dir gutgeht, dass du tust, was dir Spaß macht und deine eigenen Ideen verwirklichst. Sie ist auch das einzige MItglied, das du in deinem Team brauchst. Es ist daher nicht nötig, andere anzuwerben und anzuhalten, dir in deinem Tun oder Sein zu applaudieren.
- Selbstliebe gibt dir die Freiheit, du selbst zu sein – und allen anderen die Freiheit, anders zu sein.
Frage die Selbstliebe aktiv um Rat – und befolge ihn
Was aber tut man, um sie einzuladen und hereinzulassen? Ein Anfang wäre vielleicht, mal aus ihrer Sicht über dich nachzudenken. Schreibe zehn Sätze über dich nieder oder sprich sie als Sprachmemo auf, überprüfe sie aus Sicht der reinen Selbstliebe und formuliere sie dann neu. Frage sie aktiv um Rat. Schon morgens und bei den allerkleinsten Dingen. Was rät sie dir zu frühstücken, was anzuziehen – etwas, in dem du dich richtig gutfühlst natürlich, alles andere kann gleich weitergegeben werden oder in den Container, denn warum solltest du etwas tragen, das dir nicht passt oder das du nicht magst?
Du kannst sie auch auf einen Rundgang durch deine Wohnung mitnehmen, um dich mit ihr anzufreunden. Nimm jedes Ding in die Hand und frag sie, ob es ihr gefällt. Zeig ihr die Bücher, die du noch lesen willst, erzähle ihr von deinen Projekten und Plänen. Und folge jedem Rat von ihr.
Niemanden ist geholfen, wenn man tut, was keine Freude macht
Alleine würdest du es vielleicht nicht wagen, Verabredungen abzusagen oder Anfragen auszuschlagen, um niemanden zu enttäuschen. Mit der Selbstliebe neben dir leuchtet es dir aber sofort ein, dass niemandem geholfen ist, wenn du deine Zeit mit Menschen oder Dingen verbringst, die dir keine Freude machen. Dir sowieso nicht. Aber den anderen auch nicht. Denn erstens merken sie es ja doch. Und zweitens würdest du es sie auf die eine oder andere Art büßen lassen, wenn du dich durch sie zu etwas zwingen lässt, das du eigentlich nicht willst. Vom allseitigen Energieverlust ganz zu schweigen.
Natürlich gibt es Zuständen, in denen Selbstliebe als Konzept als etwas doch sehr Fremdes erscheint. Oder Umstände, die zu komplex sind, um im Dialog mit sich selbst durchdrungen zu werden. In dem Fall biete ich gerne Begleitung an. Im Kleinen aber kann jede und jeder ja einstweilen schonmal anfangen.
Foto von Jacqueline Schmid über Pixabay

